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Vom Können und Müssen- Leben als Reisende

Wir sind eigentlich nur losgezogen, weil
wir bereits frei waren. Diese Freiheit gibt uns ein Netz aus Familie, Freunden, Ausbildungen und ein Heimatland, in das wir jeder Zeit zurück kehren können.
Ein großer Anker also, wenn es mal nicht so gut läuft, das Geld ausgeht oder man sich einfach verloren fühlt.
So sind wir also rein in den Van und raus in die Welt mit einem großen Anker namens zu Hause und mit dem Wissen, dass wir können und nicht müssen.

Dann gibt es aber auch die, die müssen.

Mit Geld in der Tasche gehen wir in das coolste und günstigste Pizza Büdchen in der Umgebung. Etwas weiter entfernt sehen wir einen Künstler, der wie wir, Seifenblasen auf der Straße macht, um Geld zu verdienen. An diesem Tag läuft es nicht gut für ihn und trotzdem schaut er fasziniert seinen Seifenblasen hinterher.

Weil wir wissen, wie unschön sich dies anfühlt und weil Teilen viel schöner ist, laden wir den jungen Vorzeigehippie zum Essen ein. Dreadlocks, unzählige Tücher, eine Aladinhose, ein braungebrannter Oberkörper, der ein wenig schmutzig ist und ein kindliches Gesicht mit strahlend blauen Augen.
Dass die Augen wegen massivem Drogenkonsum viel zu groß sind, fällt uns erst später auf.

Natürlich wird er in dem kleinen Restaurant richtig nett und auf Augenhöhe bedient.

Ein Skandinavier, 24 Jahre jung und seit er elf Jahre alt ist, auf der Straße.
Bei solchen Treffen gibt es keinen Smalltalk. Jeder ist direkt verbunden.
So verbringen wir, etwas verwundert darüber, dass er ununterbrochen redet und auf seinem Piercing rumkaut, den restlichen Tag mit ihm.

Wir merken, dass er eine ehrliche, über den Tellerrand hinaus denkende und fühlende Seele ist.

Wieder fragen wir uns, ob man erst durchs Dunkel gehen muss, um emotional und sozial auf der Höhe zu sein. Und wieder fragen wir uns, ob nur Menschen, die dem Mainstream nicht gerecht werden können, für ihren Horizont und ihr Mitgefühl den Preis des gesellschaftlichen Geächtet Werdens zahlen müssen.

Dieser junge Mann hat uns eine Schusswunde gezeigt, die sein Vater ihm verpasst hat, als er 9 war, zwei Einstiche von Messern, in Brust und Rücken aus Tagen, in denen er zwischen Institutionen und Pflegefamilien hin und her geschoben wurde.
Er war Mitglied in Gangs zwischen 13 und 16 Jahren und lag 6 Monate im Koma, weil er auf einen Bordstein geprügelt wurde.
Er musste wieder neu Laufen lernen.

Auch erzählt er uns, dass er schon mehrere Male auf jemanden eingestochen hat, um sein Leben, oder das, was er besitzt, zu schützen.

Und trotzdem wirkt er ehrlich, verletzlich, zerbrechlich.

Was geblieben ist, sind die Drogen und die Unfähigkeit, an einem Ort zu bleiben.
Nicht, weil er kann, sondern weil er muss.
Weil seine unruhige Seele und das fehlende Netz, der Anker, das zu Hause fehlen.

Die Begegnung mit ihm und all den deutschen "Aussteigern" die wir hier in Spanien treffen, stimmt mich nachdenklich. Jeder sagt, dass er aus Wut auf das deutsche System, die Politik, weggegangen sei.
Vielen verbitterten Menschen begegnen wir hier. Darunter auch einigen, die aus Deutschland weggegangen sind, weil sie sich total verschuldet haben und nun mit Haftbefehlen gesucht werden.
Andere steigern sich so sehr in Verschwörungstheorien über das Deutsche System hinein, dass sie tatsächlich versucht haben, ihr eigenes Geld zu malen, um die Zwangsversteigerung ihres Hauses zu verhindern. Wir hören von Geburtskonten und anderen schrägen Dingen. Auch für diese Menschen ist das Weggehen zum Müssen geworden und weit weg von Freiheit.

Dazu muss ich allerdings sagen, dass selbst diese verirrten Schäfchen es irgendwie schaffen, bei ansässigen Deutschen unterzukommen und Arbeit gegen Unterkunft und Essen zu tauschen.

Trotzdem fragen wir uns oft, ob sie denken, dass z.B. Spanien, wo wir uns aktuell aufhalten, das gelobte Land ist.
Auch hier gibt es einen Haufen Bürokratie, die Zahl der Arbeitslosen ist riesig und vielerorts ist nach der Sommerzeit alles, wie leer gefegt. Hinzu wird uns oft von Korruption und Armut erzählt.


Für uns war der Grund, Deutschland zu verlassen, dem Wetter dort zu entfliehen, denn auch wir haben durch eine dunkle Zeit in unserem Leben den Hang zu Stimmungsschwankungen im grauen Winter.

Wir haben das Gefühl, das wir so leben können und nicht Müssen.

Oder vielleicht doch nicht? Ein normales neun bis fünf Leben und eine Wohnung....im Moment unvorstellbar...


Mehr gibt es auf www.yogascha.de

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