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Diese Geschichte begab sich in einem Kloster, welches in schwere Zeiten geraten war. Einst ein machtvoller Orden, gingen infolge der Verfolgungswellen und des aufkommenden Säkularismus im Laufe der Jahrhunderte all seine Zweigstellen verloren, und er schrumpfte derart zusammen, dass schließlich nur noch fünf Mönche im allmählich verfallenden Mutterhaus übrigblieben: Der Abt und vier Mönchsbrüder, ein jeder von ihnen über siebzig Jahre alt. Unübersehbar war dies ein aussterbender Orden.

 

In den tiefen Wäldern, die das Kloster umgaben, befand sich eine kleine Hütte, die einem Rabbi aus der nahegelegenen Stadt hin und wieder als Einsiedelei diente. Nach den vielen einsamen Jahren des Betens und der Kontemplation waren die alten Mönche ein wenig hellsichtig geworden, so dass sie es immer fühlen konnten, wenn der Rabbi sich in seiner Eremitage befand. 'Der Rabbi ist in den Wäldern, der Rabbi ist wieder in den Wäldern, pflegte dann einer dem anderen zuzuraunen.

 

Von trostlosen Gedanken über das herannahende Ende seines Ordens gequält, fasste der Abt bei einer dieser Gelegenheiten den Entschluss, die Einsiedelei aufzusuchen und herauszufinden, ob der Rabbi nicht möglicherweise einen weisen Rat für ihn habe, mit dem das Kloster vor dem Untergang bewahrt werden könne.

 

Der Rabbi hieß den Abt in seiner Hütte willkommen. Aber als jener den Grund seines Besuchs erläuterte, konnte ihn der Rabbi lediglich seines Mitgefühls versichern. 'Ich weiß, wie es ist', rief er aus. 'Der Geist hat die Leute verlassen. In meiner Stadt ist es ebenso. Fast niemand besucht mehr die Synagoge.'

 

So weinten sie gemeinsam: Der alte Abt und der alte Rabbi. Dann lasen sie miteinander Abschnitte aus der Thora und sprachen leise über bedeutende Dinge. Als es Zeit für den Abt wurde, den Heimweg anzutreten, umarmten sie sich.

 

'Es ist wunderbar, dass wir uns nach all den Jahren begegnet sind', sagte der Abt, 'aber dennoch habe ich das Ziel nicht erreicht, das mich hierhergebracht hat. Gibt es denn gar nichts, was Du mir sagen könntest, nicht den Funken eines Rates, der mir helfen könnte, meinen untergehenden Orden zu retten?'

 

'Nein, so leid es mir tut', entgegnete der Rabbi. 'Ich habe keinen Rat zu geben. Das einzige, was ich Dir mitteilen könnte, ist, dass einer von Euch Mönchen der Messias ist.'

 

Als der Abt wieder im Kloster eintraf, versammelten sich seine Mönchsbrüder erwartungsvoll um ihn: 'Nun, was hat der Rabbi gesagt?' - 'Er wusste uns keine Hilfe', antwortete der Abt. 'Wir taten nichts weiter als miteinander zu weinen und in der Thora zu lesen. Nein, das einzige, was er sagte, als ich mich schon verabschiedete, war, dass einer von uns der Messias sei. Es war irgendwie kryptisch - ich verstehe nicht, was er damit meinte.'

 

Während der folgenden Tage, Wochen und Monate erwogen die alten Mönche diese Mitteilung und verwunderten sich, welche Bedeutung die Worte des Rabbis haben könnten. - Der Messias einer von uns?- Könnte er wahrhaftig einen von uns Mönchen hier im Kloster gemeint haben?- Wenn er das wirklich gemeint hat, dann welchen von uns?- Glaubst Du, er meinte den Abt?- Ja, falls überhaupt einen, kann er nur den Abt gemeint haben.- Der leitet uns nun schon fast ein ganzes Menschenleben lang.- Andererseits, der Rabbi könnte auch von Bruder Thomas gesprochen haben.- Gewiss ist Bruder Thomas ein heiliger Mann.- Jeder weiß, dass Bruder Thomas ein Mann des Lichtes ist.- Aber mit Sicherheit kann er nicht Bruder Elred gemeint haben?- Bruder Elred ist manchmal ein wenig wunderlich.- Doch richtig besehen, wenn er auch bisweilen so manchem ein Dorn im Auge ist, kann man nicht umhin festzustellen, dass Elred praktisch immer recht hat. Sogar sehr recht.- Vielleicht meinte der Rabbi tatsächlich Bruder Elred?- Auf keinen Fall jedoch Bruder Phillip. Phillip ist so passiv, ein richtiger Niemand.- Andererseits hat er, auf nahezu mysteriöse Weise, irgendwie die Gabe, genau dann zur Stelle zu sein, wenn Du ihn wirklich brauchst.- Vielleicht ist tatsächlich Phillip der Messias?- Völlig ausgeschlossen ist jedenfalls, dass der Rabbi mich gemeint haben könnte.- Er kann unmöglich mich gemeint haben. Ich bin nur eine ganz und gar gewöhnliche Person.- Und falls nun doch? Falls doch ich der Messias bin?- Oh Gott, nicht ich. Soviel könnte ich niemals für Euch bedeuten, nicht wahr?

 

Und indem sie sich derlei Betrachtungen hingaben, begannen die alten Mönche einander mit außergewöhnlichem Respekt zu behandeln, für den unwahrscheinlichen Fall, dass doch einer von ihnen der Messias sei. Und für den ganz und gar unwahrscheinlichen Fall, er selbst sei der Messias, begann jeder von ihnen, sogar die eigene Person mit erlesenem Respekt zu behandeln.

 

Weil das Kloster in einem wunderschönen Wald lag, geschah es gelegentlich, dass Spaziergänger das Kloster aufsuchten, um auf seinem winzigen Rasen zu picknicken, auf seinen Wegen zu wandern, ja sogar dann und wann, um in seiner baufälligen Kapelle zu meditieren.

 

Und bei diesen Gelegenheiten, ohne dass es ihnen im geringsten bewusst wäre, fühlten sie die Aura von ganz außerordentlichem Respekt, die nunmehr die fünf alten Mönche umgab und, von ihnen ausgehend, die Atmosphäre dieses Platzes zu durchdringen schien. Etwas ungewöhnlich Anziehendes, ja beinahe Zwingendes lag über dem Ganzen. Ohne recht zu ahnen, wieso, begannen die Leute, das Kloster häufiger zu besuchen, um dort zu picknicken, zu spielen, zu beten. Sie begannen ihre Freunde mitzubringen, um auch ihnen diesen besonderen Ort zu zeigen. Und die Freunde brachten wiederum ihre Freunde.

 

Dann geschah es, dass einige der jüngeren Leute, die gekommen waren, um das Kloster zu besuchen, immer häufiger mit den alten Mönchen ins Gespräch kamen. Nach einer Weile fragte einer, ob er nicht bei ihnen bleiben könne. Dann ein anderer. Und ein weiterer. So wurde, binnen weniger Jahre, das Kloster dank der Gabe des Rabbis abermals zu einem blühenden Orden, einem Zentrum, dessen Licht und Spiritualität weit über das Land hinaus strahlten.

 

M. Scott Peck

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Tags: Bhajan_Noam, Licht, Messias, Mönch, Respekt, Spiritualität

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