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Achtsamkeit

Was steckt eigentlich hinter diesem Begriff?
Wir haben alle eine Vorstellung davon, was für uns Achtsamkeit ist.

Der Begriff kommt mittlerweile überall vor:
· im Management - da gibt es dann Seminare über achtsamen Führungsstil oder Kommunikation ...
· in Ratgeberbüchern: Achtsam durch das Leben ..., Achtsam essen …, Achtsamkeit in der Liebe und Partnerschaft oder bei der Kindererziehung, ...

Ich könnte jetzt unendlich weiter schreiben. Ja, wir sehnen uns wohl alle danach, achtsam mit uns zu sein und mit anderen. Daher kann man das Thema ja auch gut vermarkten und mit ihm viele Produkte verkaufen.

Die wohl ältesten Schriften in denen die Achtsamkeit erwähnt wird finden wir im Buddhismus. Keine Angst, ich zitiere jetzt keine buddhistischen Schriften.

Aber was steckt dahinter, was ist Achtsamkeit?
Wenn ich in meinen Kursen den Begriff mit meinen Teilnehmerinnen bespreche, kommt meist: ,,im Moment sein, bewusster handeln, in sich hinein hören, im Augenblick da sein, nicht woanders sein, im Körper sein, nicht außer sich sein, Wertschätzung sich selbst und anderen gegenüber, und noch vieles mehr.

Im Duden heißt es zum Begriff „achtsam“ (Bedeutungsübersicht):
1. aufmerksam, wachsam
2. vorsichtig, sorgfältig

Ich finde, der folgende Satz fasst es gut zusammen:
Achtsamkeit bedeutet, alles was im Augenblick geschieht bewusst wahrzunehmen ohne es zu beurteilen oder auf die Beurteilung gleich aufzusteigen.

Ich erkläre in meinen Vorgesprächen zum MBSR 8 Wochen Kurs den Begriff Achtsamkeit, oder was für mich alles darin enthalten ist, gerne anhand der sieben Säulen der Achtsamkeit:
1. nicht beurteilen
2. Geduld
3. Anfängergeist
4. Vertrauen
5. nicht greifen
6. Akzeptanz
7. loslassen

1. nicht beurteilen
- was wohl nicht bedeutet, nicht zu beurteilen, sondern nicht seinem ersten Urteil gleich die ganze Macht zu geben, vielmehr der Situation eine Chance zu geben, so zu sein wie sie ist, ohne mein Urteil.
Wenn wir anfangen unsere Gedanken zu beobachten - wie bei einer Meditation /Atembetrachtung - stellen wir fest, dass wir ununterbrochen Gedanken haben wie: ,, Nützt mir dies oder nützt mir das? Ist das gut oder schlecht? Möchte ich das haben oder auf keinen Fall?“ Es geht die ganze Zeit so, dass wir alles beurteilen. Das kann einen dann schon erschrecken, dass der Gedankenstrom ununterbrochen da ist.
Du kannst das auch gerne mal ausprobieren:
Wenn du in einen Raum kommst und es kommt noch jemand dazu (den du nicht kennst), oder du kommst in einen Raum, in dem schon andere sind: Was geht dir da durch den Kopf? „Hm, wo möchte ich sitzen? Wer sieht sympathisch aus? ...“ Oder was für Gedanken hast du, wenn sich eine andere Person neben dich setzt? ...

Hier mal ein Beispiel von mir: Vor Jahren hatte ich mich mit einer Frau über das Internet zu einer Unterweisung des Dalai Lama verabredet. Ich wollte ihr behilflich sein, da sie dort die Örtlichkeiten nicht kannte. Also machten wir einen Treffpunkt aus an einem Stand außerhalb des Kongresszentrums, wo noch viele andere Menschen unterwegs waren. Besagte Person kam auf mich zu und ich dachte nur „Oje, was für eine Trulla mit Gucci-Lacktäschchen, wasserstoffblond gefärbten Haaren, aufgeklebten Fingernägeln …! Nix wie weg, sie weiß ja nicht, wie ich aussehe!“ Zu spät, sie hatte mich schon entdeckt und gleich angesprochen. So habe ich ihr erst einmal, wie versprochen, die Räumlichkeiten gezeigt und sie dabei kennengelernt. Wir waren dort eine Woche und haben die ganze Zeit miteinander verbracht, sehr viel Spaß gehabt und viel gelacht. Daraus ist dann eine Freundschaft entstanden, die – wäre es nach mir gegangen - nie entstanden wäre. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mir so klar vor Augen geführt hat, was mein erstes Urteil mir für eine Chance genommen hätte. Jahre später habe ich ihr davon erzählt und sie hat schallend losgelacht: „Ihr erstes Urteil war: Oh je, was für eine Ökotrutsche …“ Sie war damals schon ein Schritt weiter und hat mir die Chance gegeben die zu sein, die ich bin, und nicht die, die sie sah.
Ja, es geht, wie schon erwähnt, nicht darum, nicht zu beurteilen, sondern erst einmal festzustellen, dass wir es ständig tun. Das Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir das ständig tun, ist der erste wichtig Schritt.
Der zweite ist dann zu erkennen, dass dieses ständige Beurteilen/Bewerten oft zu unreflektiertem Handeln führt, wie im Autopilot. Aber dazu schreibe ich ein anderes mal.

2. Geduld
Ja, darunter können wir uns alle etwas vorstellen. Im Zusammenhang mit Achtsamkeit ist hier nicht nur die Geduld mit anderen gemeint sondern auch die Geduld mit uns selbst. Dass jeder seinen Weg geht und, auch wenn wir scheinbar dasselbe tun, nicht gleich dasselbe dabei passieren muss.
Damit ist hier also gemeint zu akzeptieren, dass man gewisse Prozesse nicht beschleunigen kann, auch wenn man es noch so gerne möchte.
Als Kind habe ich gedacht, wenn ich eine Schmetterlingslarve aufbreche, kann ich damit den Schmetterling befreien. Als Erwachsene weiß ich, dass das leider nicht funktioniert. Und trotzdem gibt es auch bei uns Dinge und Prozesse, die wir gerne beschleunigen würden, wo wir ungeduldig sind und wir gerne am Gras ziehen möchten.

3. Anfängergeist
Den verlieren wir als Erwachsene leider auch sehr oft. Wir haben diese oder jene Situation schon einmal so ähnlich erlebt und wissen damit genau, was jetzt passieren wird oder was der andere jetzt sagen möchte. Z.B.: „Wenn sie so schaut, hat sie immer schlechte Laune und brüllt gleicht.“ Da gibt es viele Situationen, die uns täglich begegnen. Wir glauben oft, schon innerlich zu wissen, was passieren wird, und das merken wir gar nicht.
Bei der Praxis der Achtsamkeit - ob in der Meditation oder im Alltag - geht es immer darum, von Augenblick zu Augenblick den Geist des Anfängers zu behalten oder immer wieder neu zu entwickeln: Dinge mit den Augen eines Kindes zu sehen wie beim ersten Mal. Der Situation auch die Chance zu lassen, diese Situation zu sein und nicht die, die man schon voraus sieht, weil es ja immer so ist.

4. Vertrauen
Damit ist gemeint: Vertrauen in die eigene Weisheit.
Wir sind daran gewöhnt, dass uns immer jemand von außen sagt, was richtig und was falsch ist. Wir vertrauen wenig unserer eigenen Weisheit, unserem eigenen Wissen. Wir haben gelernt zu fragen, ob es in Ordnung ist, was wir gerade machen, und uns daran zu orientieren, was andere sagen. Aber es geht darum, sich selbst die Antwort zu geben, wie z.B. „Ich darf weniger arbeiten, ich kann mich auf meine innere Stimme verlassen und weiß, was ich brauche.“

Das ist etwas, das wir, wie ich finde, gut mit Körperarbeit wie Achtsamkeits-Yoga wieder erlernen können. Da geht es dann darum ein Vertrauen darauf zu entwickeln, dass unser Körper schon weiß, wann er uns einen Warnschmerz gibt oder wann es ein Dehnungsschmerz ist, weil dieses Körperteil schon lange so nicht mehr bewegt wurde. Das Gefühl für die eigene innere Weisheit wieder zu spüren, ihr zu vertrauen, dauert etwas. Und wie mit allem bedarf es der Übung, auch wenn es mal unangenehm wird.

5. Nicht greifen
Wir sind in unserem normalen Leben gewohnt, dass unsere Handlungen immer einen Zweck haben. Es muss immer irgendwie etwas passieren, da steckt immer eine Absicht dahinter. Bei der Achtsamkeit geht es darum, eine absichtslose Haltung einzunehmen. Wie in der Meditation geht es dabei um aktives Nichts-Tun - einfach einmal, mindestens für diesen Moment, in dem ich Achtsamkeit praktiziere, das Ziel hintenan zu stellen. ,,Einfach“ mal da zu sein, im gegenwärtigen Augenblick, von Moment zu Moment. Egal, ob es langweilig oder aufregend ist, man nervös ist oder sonst wie. Wirklich im gegenwärtigen Moment zu sein, ihn da sein zu lassen und ihn wahrzunehmen, egal wie er gerade ist.

6.Akzeptanz
Ist eine weitere Säule und sie ist wohl das, was uns am schwersten fällt. Unwohlsein, Freude, Kummer – alles, was uns im Leben widerfährt, ob wir es als angenehm (positiv) oder unangenehm (negativ) einstufen, zu akzeptieren. Das heißt nicht, es zu verdrängen oder schönzureden, sondern es so anzunehmen wie es ist, ohne es verändern zu wollen. Was uns bei sogenannten positiven Dingen wohl leichter fällt. Aber auch da sind wir geneigt, es anders haben zu wollen, vielleicht noch ein wenig mehr oder schöner …

Aber es muss gar nicht so etwas Großes sein wie ein großes Schicksal, anhand dessen wir Akzeptanz üben können. Ein Beispiel: Stell dir vor, du kommst gerade die Treppe zum Bahnsteig hoch und der Zug schließt in dem Moment die Türen. Du kannst nichts mehr machen, der Zug ist weg, und trotzdem regst du dich auf. „Hoa, wäre ich doch nur ein wenig schneller gelaufen! Aber es standen ja so viele im Weg!“ „Wenn der andere Zug pünktlich gewesen wäre, hätte ich den Anschluss bekommen!“ oder so ... Das hat aber so überhaupt keinen Sinn. Aber nicht nur du regst dich auf, schau dich in so einer Situation mal auf dem Bahnsteig um, was da alles passiert: Es wird telefoniert, geschimpft und lamentiert. Den Zug bekommen wir aber trotzdem nicht mehr. Da ist so viel Energie, ... . Vielleicht würde uns ja gerade dieser Augenblick etwas bringen an Erfahrung, wenn wir die Möglichkeit hätten, ihn uns mit Ruhe anzusehen. Wenn wir offen für den Moment wären und nicht schon in der Zukunft oder der Vergangenheit mit unserem Ärger verbunden.
Ja, und die Unfähigkeit zu akzeptieren macht uns auch ein bisschen starr, nicht nur geistig, sondern auch oft körperlich - und ich finde, das fühlt sich nicht gut an.

7. Loslassen
Wir wollen natürlich immer Dinge haben, und wenn wir sie haben auch nicht mehr hergeben, also halten wir an ihnen fest. Ja, und sie sollten sich auch möglichst nicht verändern. Gegenstände sollten möglichst immer wie neu sein, die Liebe immer ganz prickelnd frisch usw. Da fällt es uns natürlich nicht leicht loszulassen. Das passiert dann auch in der Achtsamkeitspraxis. Z.B. in der Meditation kommt ein ganz starker Gedanke oder ein Gefühl und wir können es nicht loslassen. Da ist es dann, so finde ich, eine tolle Praxis, den Gedanken zum Beobachtungsobjekt zu machen. Zu akzeptieren, dass da gerade ein so starker Gedanke ist und genau hinzuschauen, das Festhalten zu betrachten: Wo spüre ich, dass ich das festhalten möchte?
Aber es sollte eine bewusste Entscheidung sein und nicht so, dass unser Geist uns mit dem Gedanken fortträgt in die Zukunft oder in die Vergangenheit. Und mit der Zeit der Übung kann man es, finde ich, ganz gut bemerken, wenn man weggetragen wird.

Wo du das jetzt alles gelesen hast, magst du vielleicht denken: „Und was soll mir das alles bringen?“ Oder: „Das habe ich alles schon mal gehört, aber achtsamer bin ich trotzdem nicht geworden.“
Die Frage: „Wie kann ich das in mein Leben integrieren?“ ist hier der Schlüssel. Und das geht nur durch Übung, Übung, Übung. Und am besten mit einem freundlichen, neugierigen Anfängergeist.

Wenn ich über Achtsamkeit lese oder rede ist es, wie wenn ich mir eine Speisekarte anschaue oder sie lese.
Achtsamkeit zu üben ist, das Essen zu bestellen und die Speisen auch zu kosten.
In diesem Sinne: Wenn du magst, kannst du auch gerne bei mir auf der Facebook-Seite vorbeischauen, da gebe ich immer mal wieder kleine Achtsamkeitsimpulse. Oder melde dich bei mir, wenn du mehr erfahren möchtest. Wenn dich ein 8 Wochen Kurs MBSR -Stressbewältigung interessiert, dann schau auf der MBSR –Verbandsseite, wer bei dir in der Nähe Kurse gibt, und frag nach einen unverbindlichen Vorgespräch.

Bis dann alles liebe Ela

DIESER BEITRAG WURDE BISLANG: 410 X ANGESCHAUT

Tags: Achtsamkeit, MBSR, Meditation, Stressbewältigung

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