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Dharma Punx Treffen

Noah Levine, „Gegen den Strom“, Seite 48-55, Der achtfache Pfad / Weisheit

(…)
innerhalb der buddhistischen Weltanschauung wird das Karma stets im Sinne mehrerer Leben gelehrt – das heißt, die Folgen deines Handelns kommen entweder im Laufe des gegenwärtigen oder im Laufe eines anderen Lebens zum Tragen. Die Reinkarnation ist die Wahrheit fortwährender Existenz von einem Leben zum nächsten. Es ist weder unsere Persönlichkeit, noch unsere Seele, die da wiedergeboren wird, sondern unser Karma. Es ist die Anhäufung unserer positiven oder negativen Handlungen, welche fortbesteht. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, erleben wir in der Gegenwart nichts anderes als das Echo der Entscheidungen die wir in der Vergangenheit getroffen haben. Ebenso hängen unsere künftigen Erfahrungen von den Entscheidungen ab, die wir in der Gegenwart treffen.
Als nächstes ist es wichtig zu verstehen, dass alle Dinge dem Wandel unterworfen sind und wir kein beständiges Selbst besitzen. Wir neigen dazu, unser Selbst als unser Ego oder als das, was einige gerne Seele nenne, zu betrachten. Die Wahrheit aber ist, dass es kein festes, eigenständiges oder beständiges Selbst gibt. Das Selbst an sich ist unbeständig. Sogar bei der Wiedergeburt ist es nicht das Selbst, das da wiedergeboren wird, sondern der karmische Impuls.
(…)
Karma, Reinkarnation und Unbeständigkeit verschmelzen miteinander in dem buddhistischen Konzept der bedingten Entstehung aller Dinge. Dieses Konzept besagt, dass alle Dinge sich aufgrund von Ursache und Wirkung entfalten. Unser Glücksgefühl oder unser Leiden werden dadurch bedingt, wie wir zum gegenwärtigen Moment in Beziehung stehen. Wenn wir im Jetzt festhalten,werden wir später leiden. Lassen wir aber los und begegnen den Dingen mit Mitgefühl und Freundlichkeit, erschaffen wir Glück und Wohlbefinden in der Zukunft.
Das bedingte Entstehen beginnt mit Unwissenheit oder Verblendung und endet mit Leiden. Es ist eine Anleitung dafür, wie man Leiden erschafft, aber gleichzeitig stellt es auch einen Weg dar, das Leiden zu vermeiden. Die Kette von Ursache und Wirkung besteht aus zwölf Gliedern und diese Glieder offenbaren, wie wir Karma erschaffen und zu ihm in Beziehung treten.
Wir alle werden in einen Zustand der Unwissenheit geboren. Durch innere und äußere Konditionierungen sowie karmische Impulse lernen wir, wie wir auf bestimmte Erfahrungen zu reagieren haben. An einem gewissen Punkt angelangt, erkennen wir dann, dass weder unsere instinktiven noch unsere erlernten Reaktionen uns wahres Glück oder Freiheit bescheren. Diese Lehre behandelt sowohl die Art und Weise, wie Karma von einem Moment zum nächsten wirkt, als auch die Art und Weise, wie es während der Reinkarnation wirkt, also von einem Leben zum nächsten. Im Sonne eines praktischen Ansatzes zu geistiger Übung und Befreiung werde ich mich allein auf die Achtsamkeit für den gegenwärtigen Moment beziehen.
Hier die technische Version der bedingten Entstehung, wobei die einzelnen Komponenten chronologisch von eins bis zwölf aufgezählt werden.

1. Unwissenheit, sie führt zu
2. geistigen Formen (Gedanken oder Gefühle), sie führen zu
3. Bewusstsein, das erfordert eine
4. materielle Form, diese verfügt über
5. die sechs Sinne(physisches Empfinden, Hören, Sehen, Riechen Schmecken und Denken), diese führen durch äußere Reize zu
6. Kontakt, durch den Sinneseindrücke entstehen, diese wiederum generieren
7. Empfindungen (angenehme, unangenehme oder neutrale), die Auslöser sind für
8. Verlangen/Sehnsucht (danach, das Gefühl entweder zu halten oder es zu vermeiden), das verursacht
9. Anhaften (oder Aversion), dies führt zu
10. Werden (also sich mit dem Geschehen als etwas persönliches zu identifizieren), dies führt zu
11. Geburt (Inkarnation um das Anhaften herum), daraus entsteht
12. Leiden oder Unzufriedenheit.

Schauen wir uns diese Sequenz anhand eines Beispiels einmal in Aktion an:

1. Ich gehe eine Straße entlang und passe nicht auf. (Unwissenheit)
2. Ich sehe eine Eisdiele und in mir steigt der Gedanke auf:“Eiscreme ist lecker und macht glücklich“. (Geistige Form)
3. Ich beschließe, dass ich Eiscreme essen will. (Bewusstsein)
4. Ich gehe in die Eisdiele (Materielle Form, mein Körper)
5. In der Eisdiele sehe und rieche ich die Eiscreme und ich fange an, darüber nachzudenken, welche Sorte ich haben will. (Sinne)
6. Die Eiscreme riecht süß und cremig. (Kontakt)
7. Ich genieße den Geruch der Waffeleistüte und der heißen Schokoladensoße. (Empfindungen, angenehm)
8. Ich entscheide mich für einen Eisbecher mit drei Kugeln Eis und heißer Schokoladensoße in einer extra großen Waffeleistüte. (Verlangen)
9. Nach ein paar Bissen bin ich satt, aber ich esse weiter, weil es so gut schmeckt. (Anhaften an das Vergnügen)
10. Ich wünschte, ich hätte nicht alles aufgegessen oder überhaupt keine Eiscreme gegessen. Ich halte mich für dumm, weil ich es doch getan habe. (Werden)
11. Ich mache mir den Vorwurf, gefräßig zu sein. (Geburt)
12. Ich fühle mich körperlich krank und emotional aufgelöst. (Leiden)

Das bedingte Entstehen ist die Flussabwärtsströmung im Leben. Ohne bewusstes geistiges Training treiben wir einfach mit und bleiben Gefangene unserer gewohnten Reaktionen. Wir treiben flussabwärts und von der Unwissenheit, zum Bewusstsein, zur Identifizierung mit der Empfindung. Dann entsteht das Verlangen, entweder nach mehr oder weniger von der Empfindung. Und weiter treiben wir stromabwärts, zum Anhaften an die Sache bis hin zur Identifizierung mit ihr.
Dann werden wir als das Gefühl geboren, bis es schließlich wieder verschwindet Denn da es unbeständig ist, stirbt es auch wieder. Und es beginnt der ganze Kreislauf von vorn. Dieser Prozess wiederholt sich viele Male in der Minute. Immer wieder gibt es Kontakt und Empfindung.

Die Achtsamkeit, zu der der Buddhismus uns ermutigen will, erlaubt uns, im Moment des Kontakts mit Wohlbefinden oder Schmerz wesentlich geschickter zu reagieren. Wenn wir unser inneres Geschehen im Moment der Bewusstheit des jeweiligen Gefühls (ganz gleich, ob es nun angenehm, unangenehm oder neutral ist) aufmerksam beobachten, sind wir in der Lage, den Kreislauf der gewohnheitsmäßigen Reaktion im Sinne von Anhaftung oder Aversion zu durchbrechen. In genau diesem Moment der Wachsamkeit, an der Schwelle vom Kontakt zum Begehren, ist es möglich, eine eigene Wahl zu treffen und entweder loszulassen und weiter in Richtung Glück zu streben oder aber festzuhalten und Weiter zu leiden.

Mein Freund und Kollege Vinny Ferraro beschreibt diese Übung gerne so: „Wir lassen jeden Moment seinen eigenen natürlichen Tod sterben.“ Anhaftung und Aversion sind lediglich Versuche, ein Erleben entweder wieder zu beleben oder zu töten. Die Achtsamkeit hingegen erlaubt uns, jedes Erleben auf direktem Weg zu spüren und mehr als mitfühlender Sterbebegleiter denn als aggressiver Notarzt darauf zu reagieren.
Aus der Perspektive er buddhistischen Psychologie ist dies der einzige Moment, in dem wir überhaupt einen freien Willen besitzen. Wenn wir nicht aufmerksam sind in dem Moment, da sich Kontakt in Empfinden oder Verlangen in Anhaftung wandelt, dann werden wir zu Sklaven des Gefühls und unseres Karmas, unserer vergangenen Neigungen. In diesem Kreislauf werden wir dann bis in alle Ewigkeit gefangen sein, wenn wir uns nicht darin üben, ihm Aufmerksamkeit zu schenken und das Verlangen und die Identifizierung loszulassen, die letztlich unser Leiden verursachen.
Die meisten von uns schaffen es nicht dieses Muster zu durchbrechen, ohne ein beträchtliches Maß an Mühe, Übung und Entschlossenheit dahingehend, sich von ihm zu befreien. Wir können unser ganzes Leben damit zubringen, uns von unserem Karma, den Konditionierungen aus unserer Kindheit oder dem Impuls, den wir aus einer vorherigen Inkarnation mit in diese Inkarnation gebracht haben, herumschubsen zu lassen. Wenn wir unsere Achtsamkeit nicht darauf trainieren, im gegenwärtigen Moment zu verweilen, können wir unsere Reaktion niemals kontrolieren. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet, gibt es keinen freien Willen, solange man nicht absolut aufmerksam ist.
(...)

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