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24. 4. Holocaust-Gedenktag - "Als Gott und die Welt schliefen"

Ein Artikel von Rabbiner David Kraus

Nach einem meiner Vorträge wurde mir folgende Frage gestellt: „Lieber Rabbi David Kraus, glaubst Du nicht, dass unter den vielen Naziopfern im KZ auch Gläubige waren, die fest an die Thora geglaubt haben? Und was hat es ihnen gebracht?“ - In diesem Artikel, werde ich versuchen, eines der schwierigsten Themen dieser Zeit zu beantworten. Der Lubawitcher Rebbe hat auf die Frage eines Betroffenen, ob man nach Auschwitz noch an Gott glauben könnte, geantwortet: „An wen denn sonst, an den Menschen vielleicht!“ Wenn man darüber nachdenkt, hat er in wenigen Worten genau die Essenz formuliert!

Ich habe mir zu diesem Ausspruch von Rabbi Menachem Mendel Schneerson intensive Gedanken gemacht und kam zu einer Formel:

„Wo Glaube (Emuna) ist, da ist Liebe.

Wo Liebe ist, da ist Frieden.

Wo Frieden ist, da ist Gott.

Wo Gott ist, da fehlt es an nichts.“

Nun die vielleicht für viele Menschen berechtigte Frage: „Wo war Gott als all die Katastrophen geschehen sind? Wo der Glaube!? Wo die Liebe!? Wo der Frieden!?“

Doch in Wahrheit muss die Fragen lauten: „Wo war der Mensch, als die Katastrophen kamen. Hat er geliebt? Hat er geglaubt? Wollte er Frieden?“ Meine Formel bedeutet somit im Umkehrschluss:

„Wo kein Glaube (Emuna) ist, da ist keine Liebe.

Wo keine Liebe ist, da ist kein Frieden.

Wo kein Frieden ist, da ist nicht Gott.

Wo Gott nicht ist, was bleibt? Der gottlose Mensch!!“

Auch heute sehen wir wie gottlose Menschen zu unmenschliche Bestien werden können, Hassfanatiker die unbeschreibliche Gräueltaten tun.

Das barbarische Naziregime hat sehr viele Menschen ermordet. Und ja, unter den Opfern befanden sich auch sehr viele gläubige Menschen. Hat ihnen ihre Treue zu Gott etwas gebracht? Mit absoluter Sicherheit, ja! Sie sind im Glauben gestorben und wussten, dass aus der deutschen Hölle etwas Gutes entstehen wird, obwohl es sicher auch ihnen in dieser unfassbar schrecklichen Zeit nicht offen sichtbar war.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, es war 2004, ein sommerlicher Shabbat in der Jüdischen Gemeinde in Regensburg. Ich war damals noch ein sehr ungläubiger Student der Hotelbetriebswirtschaft. Mein Vater und ich unterhielten uns mit unseren guten Freund Otto Schwerdt s.A., er war ein Holocaust-Überlebender. Nach ein paar Minuten saß sich ein Mann auch mit in unsere Runde, er trug das Buch: „Als Gott und die Welt schliefen“, welches von Otto Schwerdt verfasst wurde, bei sich. Ich weiß heute nicht mehr wieso, aber der Mann bat mich sein Buch kurz zu halten, da jemand seine Hilfe benötige. So nahm ich das Buch an mich und Otto sagte mir dann, mit seinem herzlichen Lächeln, mit einem Blick der Liebe, den er mir immer schenkte, als er mich zur Tora aufrief: „Du solltest dieses Buch studieren.“ Ich musste verlegen schmunzeln, schließlich kannte ich das Buch, hatte es aber nie gelesen. So saß ich dann da und begann etwas darin zu blättern und mein erster Gedanke war: „Was nützt einem Menschen schon der Glaube an Gott!?“ Heute schäme ich mich sehr, dass ich mal solche Gedanken hatte. Auf der anderen Seite, machte aus mir, aber genau diese Vergangenheit, das was ich heute bin. Frech wie Elie Wiesel offenbarte ich Otto Schwerdt meine Gedanken. Otto musste nicht lange überlegen, sofort hatte er eine Antwort parat. Dabei sah er mich mit einem besonderen Ausstrahlung an, ich hatte das Gefühl, dass er sich freut, dass ich nun endlich auch mal eine Fragen formulierte, welche den Sinn des Lebens hinterfragt.

Otto antwortete mir: „Schau mein lieber David, ich kann mich noch sehr gut an einen Jom Kippur in Auschwitz erinnern. Wie du weist, fasten wir am Jom Kippur 25 Stunden! Trotz allem Leides und der Hölle, die wir dort erleben mussten, war das Einzige, was uns Kraftlosen etwas Kraft spendete, der Glaube an Gott und das Vertrauen in Gott! Wir alle waren am Ende unserer Kräfte und dennoch hatten wir uns entschlossen, die 25 Stunden zu fasten!

Die sadistischen Nazis wussten, dass wir am Jom Kippur fasten werden und stellten uns vor unseren menschenunwürdigen Baracken leckere Suppen und schmackhaftes Essen vor die Nase. Überall war ein aromatischer Geruch der appetiterregenden Speisen zu vernehmen, Speisen von dem wir nicht einmal mehr zu träumen in der Lage waren!

`Kommt Juden, kommt, alles koscher!´ schrien die Nazis höhnisch. Bis auf ein paar unserer Brüder blieben wir alle stark und sind nicht hinaus gegangen, und jene Brüder, die hinaus gingen, um endlich eine nahrhafte Mahlzeit zu sich nehmen zu können, wurden nach dem Mahl per Kopfschuss ermordet.

Die Nazis haben unsere Körper geschlagen, gepeinigt und verbrannt, aber unsere Seelen blieben unberührt. Diese Erlebnisse haben mir geholfen, Auschwitz und Theresienstadt zu überleben! Ohne Gott wäre auch ich heute nicht mehr am Leben!“

Ich werde den Moment, als dieser große Mann mir die Geschichte erzählte, niemals in meinem Leben vergessen! Dr. Viktor E. Frankl, der bekannte Wiener Psychologe, der selbst die Hölle in einem KZ erleben musste, hat die seelische Antriebskraft des Menschen untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass es die Suche nach dem Sinn des Lebens sei, die den Menschen antreibe. Und wenn einem Menschen der Sinn seines Lebens nicht einsichtig ist, führt dies zu einer schweren Störung seiner seelischen Gesundheit. So beschreibt er in seinem Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ das Phänomen der „Sonntagsneurose“ (Viktor E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Auswahl. München 1979, S. 17): Gerade am arbeitsfreien Tag fallen die Menschen besonders häufig in Depressionen, denn dann spüren sie die Inhaltsleere ihres Lebens. Es komme, so sagt Frankl, zu Selbstmorden oder auch zu Erscheinungen wie Trunksucht und Kriminalität. In den Krisensituationen, die Rentner und Pensionäre durchmachten, deute sich dasselbe Problem eines sinnentleerten Daseins an.

Vor allem aufgrund seiner schrecklichen Erfahrungen in einem Arbeitslager während des zweiten Weltkrieges kommt Dr. Frankl zu dem Schluss, dass der stärkste Antrieb des Menschen die Suche nach Lebenssinn sei. Sobald der Mensch ihn aber findet, wird sein Leben gehaltvoll. Dies führt ihn zur Erfüllung, auch und gerade wenn er mit Schwierigkeiten fertig zu werden hat.

Wer an Gott glaubt, sieht die Welt mit anderen Augen, auch dann wenn es so scheint, als ob Gott und die Welt schlafen würden. Ein gläubiger Mensch weiß, dass Gott niemals schläft und auch keinen Moment des Lebens eines Menschen unbeobachtet lässt. Er lenkt und steuert alles! So verspürt ein gläubiger Mensch z.B. sehr ausgeprägt die Besonderheit des menschlichen Genießens durch Freude an schönen Erscheinungen. Noch nie haben wir irgendein Tier gesehen, das vom Anblick einer Landschaft entzückt gewesen wäre. Das Vergnügen an der Schönheit der Schöpfung ist geistig, und seine Wurzel liegt in der Seele des Menschen.

Außerdem lehrt ein solches Empfinden, wer diese schöne Schöpfung geschaffen hat und jeden Moment wieder neu erschafft. Auch das Vergnügen an einem Kunstwerk, obwohl vom Menschen hervorgebracht, hängt ab von der Anerkenntnis der Größe des Schöpfers, der den Menschen und eine solche Fähigkeit erst ermöglicht hat.

Psychologen haben darauf hingewiesen, dass dem Menschen trotz aller unterschiedlicher Bewertung dessen, was als schön gelten darf, doch ein natürliches Empfinden der Schönheit der unberührten Schöpfung eigen sei. Was wir wahrnehmen in der Gestalt, wie es aus der Hand des Schöpfers hervorgeht, trifft das seelische Empfinden in uns. Es ruft eine seelische Nähe hervor, die Schönheitsempfindung genannt wird. Es gibt sicherlich keinen objektiven Maßstab dafür, was als schön zu bezeichnen sei. Wenn dieses Empfinden aber völlig subjektiv wäre, weshalb gibt es dann nicht ebenso viele Reaktionen auf die Schönheit wie Menschen auf der Welt? Die Tatsache, dass Menschen aller Nationen, gesellschaftlicher Stellungen und unterschiedlicher Vorbildungen in ihrer Mehrzahl auf die Natur, so wie sie aus der Hand ihres Schöpfers kam, positiv ansprechen, wird durch das Wort der Schrift so erklärt: „Und Gott schuf den Menschen zu Seinem Bilde“ (1. Mose 1, 27). In unserem Zusammenhang wird auch dieses schwere Schriftwort verständlich.

Dr. Viktor Frankl beschreibt in seinem Bericht über seine Erfahrungen im Konzentrationslager (Viktor E. Frankl, ... Trotzdem Ja zum Leben sagen; ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München 1977) eben dieses Schönheitsempfinden, das dem Menschen in die Seele geprägt ist: In dem Maße, wie das innere Leben des Gefangenen intensiver werde, entwickelt er einen neuen Sinn für die Schönheit der Natur und der Kunst. Durch sie vergisst er sogar für Augenblicke das Bedrängende seines Daseins. Wenn jemand damals ihre Gesichter gesehen hätte - so erzählt Frankl -, als sie von Auschwitz aus zu einem anderen Lager verbracht wurden und die Berge Salzburgs, ihre Gipfel, die in der Abendsonne erstrahlen, durch die kleinen vergitterten Luken der Waggons betrachteten, konnte er nicht glauben, dies wären die Gesichter von Leuten, die keine Hoffnung auf Überleben und Freiheit hatten. Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - seien die Gefangenen von der Schönheit der Natur bewegt gewesen, die sie so lange hatten entbehren müssen.

Versuchen wir, die Welt so zu sehen, wie der Gottesfürchtige sie sieht, der sich, wohin auch immer er sich wendet, an der Welt erfreut und fühlt, dass der Schöpfer ihn beschenkt: Jede Blume, jeden Stern, jede Frucht und jede Empfindung - er erhält alles aus der Hand seines Schöpfers. Jeder Schluck Wasser an einem heißen Tag, jedes Stück Brot für den Hunger erfüllt ihn mit tiefer Dankbarkeit für die Güte dessen, der ihm dies alles bereitet hat. Der, der seinem Schöpfer für diese wunderbare Welt zu danken weiß, sieht in der Schöpfung Gottes Werk. Und wo ist der Winkel, wo er ihn nicht sehen sollte?!

Wer die Welt mit den Augen des Glaubens sieht, dem ist die Schöpfung nie wie eine abgenutzte Treppe. Gott erneuert in seiner Güte an jedem Tag das Werk seiner Hände, und der Mensch steht jeden Tag vor einer immer wieder erneuerten Kreation. Jeder Blick in das Geschaffene gibt die Erfahrung der Schöpfung frei. Der Obstbaum mit seinen Früchten, der Himmel mit seinen Sternen - all das spricht zu ihm und verbindet ihn noch mehr mit seinem Schöpfer, der ihn durch die Geschaffene anredet. Und wir erfreuen uns jedes Augenblicks, freuen uns der Luft zum Atmen, eines Glases Wasser, am Augenlicht, am Duft der Blume, am Glanz des Blitzes und am Kinderlachen ...

Das ist die Welt des an den einen und einzigen Gott Glaubenden, den jede Freude an der Welt noch mehr zur Erkenntnis der Güte seines Schöpfers bringt.

Wenn wir jemanden fragen: „Was willst du in deinem Leben erreichen?“, so werden wir als Antwort wahrscheinlich erhalten: „Ich will in meinem Leben reich und glücklich sein, und zwar reich an Gesundheit, Einkommen, gesellschaftlicher Stellung, Selbstfindung“. Jeder betont, was ihm besonders wichtig ist. Einige wissen nichts Genaues und begnügen sich daher mit einer allgemeinen Definition. Nur wenigen ist bewusst, dass das Geheimnis des Reichtums, des wahren Vergnügens und der echten Freude die Erschließung des Lebenssinnes ist. Der Sinn des Lebens vermittelt dem Menschen das Gefühl, seiner Bestimmung gerecht zu werden.

In allem was zunächst schlecht erscheint, verbirgt sich letztendlich etwas Gutes! Im Herzen jedes Problems versteckt sich ein Geschenk!Nur derjenigen Mensch der weiß, wonach man Suchen muss, kann es auch finden!! Der wahre Sinn ist also der geistige Sinn, der in der Tat jedes Leid ertragbar macht und auch zu einer gewisse Freude am Leben beiträgt, da man schließlich weiß, was Rabbi Nachman aus Breslev so gut formulierte: „Die Welt ist eine sehr schmale Brücke, doch das Wichtigste ist, keine Angst zu haben!“

Ich hoffe dieser Versuch, Deiner wirklich außerordentlich schweren - vielleicht sogar mit unserem beschränkten menschlichen Wissen nicht befriedigend zu beantwortenden - Frage nicht auszuweichen, hat Dir etwas weitergeholfen.

In Liebe

David Kraus

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Tags: Bhajan_Noam, Frieden, Gedenktag, Glauben, Gott, Holocaust, Liebe

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